Jugendarbeit im Lockdown. Ein Interview mit Dr. Ina Bösefeldt.

27.05.2021

In einem Interview mit dem NDR hat Vorstandsmitglied Dr. Ina Bösefeldt die Auswirkungen während des Lockdowns geschlossener Jugendeinrichtungen für Kinder und Jugendliche beschrieben. Sie fordert eine rasche und praktikable Öffnung der Kinder- und Jugendarbeit und eine Perspektive für den Sommer.

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Welche Signale gab es in den letzten Monaten aus den entsprechenden Einrichtungen vor Ort – haben sich viele Betreuer*innen besorgt über mögliche Auswirkungen bei den jungen Leuten geäußert, weil Angebote nicht möglich waren?  

Wir hören aus den Einrichtungen und Vereinen und Verbänden das, was auch alle Studien inzwischen bestätigen, z.B.

  • Einsamkeit – seelische, soziale Beeinträchtigungen
  • Körperliche Beeinträchtigungen (mangelnde Bewegung)
  • Verstärkte Gewalterfahrungen, sowohl physischer also auch psychischer Art
  • Menschen brauchen Menschen – Kinder und Jugendliche sind darauf angewiesen, die altersgemäßen Entwicklungsaufgaben in ihren Peergroups zu lösen, zu bearbeiten, zu drehen und zu wenden – manchmal auch einfach gemeinsam auszuhalten. Darauf mussten sie verzichten. Ergo konnten Entwicklungsaufgaben (sich positionieren, qualifizieren und selbständig werden – siehe 15. KJB) nicht bewältigt werden.
  • Es geht bei allem jenseits von formaler Bildung um mehr als Freizeitvergnügen, auf das verzichtet worden ist. Erwachsene haben das oft nicht im Blick. Heranwachsende verzichten, wenn sie auf diese sogenannte Freizeit verzichten, nicht auf etwas, was „nice to have“ wäre, sondern vielmehr auf ein „must have“, um sich altersgemäß entwickeln zu können. Die Zeit, die junge Menschen in freien Räumen und freien Zeiten verbringen, sind maßgeblich für eine gesunde Entwicklung. M.E. ist das nicht hinreichend verstanden oder bei den Entscheidungen nicht maßgeblich berücksichtig worden (das kann ich nicht einschätzen). Es handelt sich jedenfalls um einen Knackpunkt, übrigens auch schon vor Corona. In den Köpfen der Entscheider:innen ist es oft ein Gegenüber von formaler Bildung, verkürzt schulische Bildung, und den Rest des Lebens von Kindern und Jugendlichen. Außerschulische Bildung wird nicht so ernst genommen … Freizeit eben … irgendwie das Sahnehäuptchen. Das ist ein Missverständnis. Kinder und Jugendliche lernen in dieser sogenannten Freizeit nicht nur Spezialwissen auf dem jeweiligen Spezialinteressengebiet, sie lernen Gruppe, sie lernen Meinungsbildung, sie lernen Abstimmungsprozesse, sie lernen Respekt, Solidarität … das geht in non-formalen und informellen Bildungssettings so viel besser und nachhaltiger, u.a. weil es selbstgewählte Gruppen sind, weil Persönlichkeit sich jenseits von Zensuren und Selektionsdruck entwickeln kann. Softskills könnte man sagen, wenn damit nicht immer noch oftmals eine Abwertung verbunden wäre. Softskills lassen sich schwer messen, schwer abrechnen in der aktuellen Förderpolitik eine mega Herausforderung. Kurzum: Von informeller und nonformaler Bildung gab es im Lockdown fast nichts, fast keine Erlebnisse, Erfahrungen und Begegnungen in Gruppen. In der Entwicklung als soziales Wesen nur auf sich selbst, fast nur auf sich selbst zurückgeworfen zu sein, hat massive Folgen. Diese Folgen können nicht durch kurzfristige und projektorientierte Förderpolitik aufgefangen werden. Es braucht strukturelle, verbindliche Förderung und es braucht Vertrauen: Vertrauen in die Vereine, Verbände, die Einrichtungen, die offene Kinder- und Jugendarbeit. Es braucht keine komplizierten kurzfristigen Förderstrukturen, sondern Rückenwind für die Mitarbeitenden, Ausbildung, Weiterbildung und Ausbau der Strukturen in der Arbeit mit, von und für Kinder und Jugendliche. Endlich eine Reaktion auf die weißen Flecken der Kinder- und Jugendarbeit in MV. Das ist schon immer wichtig, aber jetzt ist es noch krasser wichtig, weil die jungen Menschen, die in den weißen Flecken wohnen, durch die pandemische Situation all die Folgen und Einschnitte noch viel extremer zu spüren bekamen und bekommen. Auf dem Land ist die Vereinzelung noch viel extremer.  
  • Achso und natürlich gibt es auch Rückstände in Bereich der formalen Bildung (frühkindliche Bildung, Schule, Ausbildung). „Stoff“ wurde nicht geschafft. Ist doch logisch. Was das bedeutet, das wird unterschiedlich bewertet, je nachdem mit welcher Brille, also aus welcher Professionsperspektive draufgeschaut wird. Die meinige sollte klar geworden sein. 

Wie bewertet ihr das Engagement der Landespolitik in Bereich der Jugendarbeit? Gab es auch im Lockdown Perspektiven?  

Ich habe dazu eben schon Grundsätzliches gesagt. Jetzt noch etwas anderes Grundsätzliches und auch in diesem Punkt unterscheidet sich MV gar nicht so sehr von der bundesweiten Situation. Kinder und Jugendliche wurden nicht gefragt, nicht einbezogen. Das ist gar nicht gut. Das war vor Corona nicht gut und ist es mit und in der Pandemie nicht. Wir sind als Gesellschaft an einer heranwachsenden Generation interessiert, müssen es sein, die die Demokratie schätzt, sie kennt, sie versteht. Dazu, so ist es inzwischen (weil Wohlstand und Bildung dazu führen und Aufklärung, aber da hole ich jetzt nicht so weit aus) notwendig, dass positive Erfahrungen gemacht werden. Das heißt Beteiligung, echte Beteiligung und die Erfahrung der Selbstwirksamkeit. Beides gab und gibt es nicht im Zusammenhang mit Corona. Direkt nicht und nicht mal über die Interessenvertretungen, wie z.B. den Landesjugendring. Auf nicht einem einzigen MV Gipfel saßen junge Menschen, saß z.B. der Landesjugendring mit am Tisch – jedenfalls meines Wissens nicht. Kann man machen, klug ist es nicht. Klar verhandelt die Liga der Wohlfahrtsverbände mit und auch das Sozialministerium, und ich will deren Engagement keinesfalls geringschätzen. Und auch alle anderen Akteur:innen auf dem Gipfel können potenziell die jungen Menschen im Blick haben – das stelle ich nicht in Frage. Es sind aber eben nicht die jungen Menschen selbst, und ihre selbst gewählten Interessenvertretungen sind es auch nicht. Da ist die Beteiligung und Selbstwirksamkeit nicht erfahrbar. Ich würde aber wirklich gern festhalten, dass das wie viele andere Dinge nur Schwachstellen aufzeigt und vertieft, die ohnehin da sind. Nicht umsonst fordern wir als Landesjugendring seit geraumer Zeit und auch in diesem Wahljahr ein Jugendmitwirkungsgesetz und die Senkung des Wahlalters.     

Was sind eure aktuellen Forderungen an die Politik?  

Praktikable Öffnungsoptionen für den Sommer, rechtzeitig und rechtssicher. Die Strukturen in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sind nicht unerheblich von Ehrenamtlichen getragen, gerade wenn es um die Ermöglichung von Sommerferien-Angeboten geht. Zudem sind die Gegebenheiten in Gruppenunterkünften und auf Zeltplätzen mit den verordneten Hygienebedingungen in Einklang zu bringen. Die Maßstäbe aus dem professionellen Tourismusgewerbe sind für die Kinder- und Jugendarbeit bisweilen nicht eins zu eins umsetzbar. Die Hygienepläne müssen den Herausforderungen der Pandemie genügen und den Gegebenheiten vor Ort. Außerdem braucht es so viel zeitlichen Vorlauf wie irgend möglich.   Impfen, Impfen, Impfen – dazu muss ich nichts ausführen. Die Mitarbeiter:innen, die Ehren- und Hauptamtlichen waren relativ spät im Blick. Wie viele noch vor den Sommerferien zweifach geimpft werden können, das überschaue ich nicht. Es dürfte aber knapp werden, wenn ich das Datum der Öffnung für die Impfpriogruppe drei und den Beginn der Sommerferien in den Blick nehme. Geimpfte Haupt- und Ehrenamtliche sind aber super zentral, um Angebote für die jungen Menschen eröffnen zu können.   Was die Impfungen für Jugendliche angeht, kommen diese natürlich später als die für die Erwachsenen, das hat medizinische Gründe, völlig klar. Ungeachtet dessen ist medial wahrnehmbar, was der einzige Fokus in Blick auf das Thema Impfen von jungen Menschen zu sein scheint, nämlich das nächste SCHULJAHR. Das Leben von jungen Menschen, keine Frage, wird maßgeblich durch die Schule geprägt, aber es erschöpft sich damit nicht, ganz und gar nicht. Aber jetzt wiederhole ich mich :-)   Die Förderung, die jetzt zu erwarten ist, ist nicht im Gegenüber von Schule und dem Rest des Lebens zu denken. Allen Ernstes: Welches Kind, welcher Jugendliche klatscht jetzt in die Hände, wenn Nachhilfe in den Sommerferien als DIE Option offeriert wird? Auffangen stelle ich mir ganz anders vor: Ferienangebote, Luft holen, mit Freunden sein, die Seele baumeln lassen und nebenbei Sozialkontakte tanken, und wegen meiner auf diesen Freizeiten auf freiwilliger Basis auch schulische Kompensation, wenn sich junge Menschen und die Träger gemeinsam konzeptionell dafür entscheiden. Da brauchen die Träger Beinfreiheit und Vertrauen.   Es müssen unbedingt die Strukturen gestärkt werden. Uns fehlen allein als Landesjugendring 600.000 Euro - wir brauchen die Hauptamtlichkeit in der Fläche, um uns endlich den „weißen Flecken“ konzeptionell stellen zu können. Jugendverbände müssen nach Tarif bezahlen können, um gut ausgebildete und motivierte Fachkräfte anstellen zu können. Jugendsozialarbeit an jedem Ort, auch an der Schule, muss gestärkt werden. Das braucht Geld. (und keinen spitzen Bleistift)   Überdies: Die Jugendverbände haben im Wahljahr, neben den schon erwähnten zwei Forderungen (1. Jugendmitwirkungsgesetz und 2. Wahlalterabsenkung) noch auf ihrer Prioritätenliste: 3. Kinder- und Jugendbericht für MV (Bedarfsgerechte Planung erfordert eine wissenschaftliche Analyse für das Bundesland) 4. Kostenloser ÖPNV für junge Menschen in MV 5. System zur Anerkennung ehrenamtlichen Engagements bei der Studien- und Ausbildungsplatzvergabe 6. Finanzierung der offenen Kinder- und Jugendarbeit  

Von vielen Stellen ist zu hören, dass es immer mehr jungen Leuten in der Pandemie schlecht geht. Kann/muss das eurer Ansicht nach „aufgefangen“ werden durch mehr Investitionen in Jugendarbeit, gibt es dazu Signale?  

Ja, kann man und sollte man – nicht nur den jungen Menschen zum Gefallen (das zieht ja in der Regel nicht), sondern auch schlicht, weil es schlecht für uns alle ist – das betrifft finanzielle Folgekosten: Schulabbrecherquote, Ausbildungsabbrüche, Jugendarbeitslosigkeit, erhöhter Bedarf in ambulanter und stationärer Jugendhilfe … um nur einige Schlaglichter zu nennen, ebenso wie die zunehmende demokratische Instabilität. Wenn Menschen, junge Menschen, nicht klarkommen, nicht wahrgenommen werden, entwickeln sie verstärkt Radikalisierungstendenzen. Es geht also um Einzelne und um uns alle, beides ist zentral. Und ob ich Signale wahrnehme? Vom Bund ja – allerdings noch sehr unkonkret. Vom Bundesland: eher nicht. Vor allem sehe ich nicht ab, was für Investitionen möglich sein werden. Wo ich Investitionsbedarf sehe und wo nicht, habe ich ja bereits ausgeführt.     

Einige Jugendclubs haben sich mit kreativen Angeboten über den Lockdown gerettet – ich weiß von Gesprächsrunden auf Insta, Waffelbacken vor Clubs, Videoserien aus Jugendclubs … kennt ihr da noch andere besonders kreative Lösungen, welche Clubs/Einrichtungen sind da besonders aufgefallen.  

Es sind unzählige aufgefallen, einzelne zu nennen ist nicht dienlich. Und: Ich habe natürlich keinen Überblick im Detail. Aber ich habe einen Überblick und den erzähle ich ihnen gern:

  • Chatberartung / Onlineseelsorge
  • Spaziergänge zu zweit
  • Unterstützung bei den schulischen Herausforderungen - Räumlichkeiten, Soft- und Hardware, und auch den einzelnen unterstützend, weil das die Verordnungslage hergab, Kindeswohl und Kinderschutz fest im Blick. Und natürlich gab es auch digitale Unterstützungsangebote, übrigens auch für Eltern.
  • Es wurden Kochpakete zusammengestellt und vor die Tür geliefert (oder per Post geschickt) und anschließend wurde gemeinsam gekocht – digital versteht sich.
  • Unzählige Challenges um die jungen Leute untereinander im Kontakt zu halten und auch um den Tagesrhythmus zu stabilisieren.
  • Digitale Spieleabende
  • Die Ausbildung zur Jugendgruppenleitung stand nicht still. Es sind online Module entwickelt und durchgeführt worden, auch über Verbandsgrenzen hinweg.
  • Gemeinsam vor dem mobilen Endgerät: Nähen, Knotenkurse, Fitnesskurse, Aufräumen, Instrumente lernen, Singen  

Zwei Aspekte dazu: 1) Endgeräte, ein stabiler Internetzugang, W-Lan oder ein ordentliches Datenvolumen sind die Grundvoraussetzung. Die stehen den tendenziell privilegierten jungen Menschen eher zur Verfügung als denen, die das nicht sind. (Zudem: Stichwort „weiße Flecken“ – die ländlichen Räume, in denen es kaum Angebote und Strukturen der Kinder- und Jugendarbeit gibt, kaum Hauptamtlichkeit und demzufolge in der Regel auch sehr wenig Ehrenamtlichkeit, sind oftmals auch die Räume, in denen die Internetverbindungen superschlecht sind und wenn dann noch eine Familiensituation hinzukommt, die finanziell eng ist, dann potenzieren sich die negativen Auswirkungen enorm.) 2) Das ist immer da gelungen, wo es qualifizierte Mitarbeiter:innen gab, die zumindest eine technische   Grundausstattung zur Verfügung hatten. Fast immer kommt die aus dem privaten Bereich. Diese Menschen in der Kinder- und Jugendsozialarbeit, egal ob sie im Jugendclub, Verband oder Verein arbeiten, ob sie haupt- oder ehrenamtlich aktiv sind, haben – wie so viele – erstaunliches erfunden, um bei und mit den jungen Menschen zu sein. Und die ehrenamtlichen in diesem Bereich sind ja nicht zu vergessen. Sie haben mit, von und für die jungen Menschen versucht Kurs zu halten … und das ist schwerer geworden von Monat zu Monat. Die letzte Phase des Lockdowns habe ich als besonders zermürbend empfunden. Wir brauchen jetzt den SOMMER! (verlässlich, verbindlich, rechtssicher, praktikabel)

Das Interview zum Download (PDF)

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